Freunde finden in der Ausbildung: wenn Betrieb und Berufsschule dich nicht automatisch verbinden
September. Deine Schulfreunde posten Fotos aus der Ersti-Woche in Leipzig, Köln, Berlin. Kennenlernspiele, Kneipentour, ein Gruppenchat mit 200 Leuten. Du stehst um 6:40 Uhr an der Bushaltestelle, fährst in einen Betrieb, in dem die jüngste Kollegin 31 ist, und am Freitag hast du Berufsschule mit einer Klasse, die du danach erst wieder in sechs Wochen siehst. Niemand hat eine Ersti-Woche für dich organisiert. Es gibt keine.
Wenn du in den ersten Monaten deiner Ausbildung merkst, dass du sozial in ein Loch gefallen bist, dann liegt das nicht an dir. Die Ausbildung ist, aus Sicht der Freundschaftsforschung, die sozial schwierigste Startphase, die das deutsche System zu bieten hat. Und sie hat trotzdem drei Orte, die verlässlich funktionieren, wenn du sie kennst.
Warum die Ausbildung sozial schwerer ist als jedes Studium
Der Kommunikationswissenschaftler Jeffrey Hall hat 2018 geschätzt, dass es rund 50 gemeinsame Stunden braucht, bis aus Bekannten Freunde werden. Im Studium sammeln sich diese Stunden von selbst: gleiche Vorlesungen, gleiche Mensa, gleiches Alter, gleiche Lebensphase, und obendrauf eine Struktur, die extra dafür gebaut wurde, dass sich Fremde in der ersten Woche kennenlernen. In der Ausbildung fehlen fast alle diese Bedingungen gleichzeitig.
Im Betrieb stimmt das Alter nicht. Du bist 18 oder 19, die Kollegen sind Anfang 30 bis Ende 50, haben Kinder, Hypotheken und um 16 Uhr Feierabend. Sie sind nett zu dir. Sie sind nicht deine Freunde, und das erwarten sie auch nicht.
In der Berufsschule stimmt die Wiederholung nicht. Bei Blockunterricht siehst du deine Klasse ein paar Wochen intensiv und dann sechs Wochen gar nicht. Genau in den sechs Wochen zerfällt, was in den zwei aufgebaut wurde. Wer wöchentlich Berufsschule hat, ist besser dran, aber selbst dann ist es ein Tag pro Woche mit Menschen, die aus dem ganzen Landkreis kommen.
Die Freunde von früher stimmen nicht mehr. Wer studiert, hat einen komplett anderen Rhythmus. Semesterferien im Februar, während du im Betrieb stehst. Und wer in eine andere Stadt gezogen ist, ist erst mal in seiner eigenen Ersti-Woche verschwunden.
Dazu kommt, dass die Ausbildung selbst anstrengend genug ist. Der DGB-Ausbildungsreport 2025, für den 9.090 Auszubildende befragt wurden, zeigt zwar, dass rund 72 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden sind. Aber fast jeder Dritte macht regelmäßig Überstunden, und 41,5 Prozent im letzten Ausbildungsjahr wissen nicht, ob sie übernommen werden. Wer abends müde nach Hause kommt und nicht weiß, ob er in einem Jahr noch in dieser Stadt wohnt, investiert weniger in neue Freundschaften. Verständlich, und trotzdem ein Fehler.
Die drei Orte, die trotzdem tragen
Wir sehen auf unserer Plattform jeden Herbst eine Welle von Profilen zwischen 17 und 21, in denen sinngemäß steht: „Ausbildung angefangen, neue Stadt, kenne niemanden." Und wir sehen, welche von ihnen drei Monate später echte Freundschaften haben. Es sind fast immer die, die einen der folgenden drei Orte genutzt haben.
1. Die anderen Azubis, auch die aus anderen Berufen
Der wichtigste Ort ist der, den die meisten übersehen: die Azubis in deinem Betrieb, die nicht in deiner Abteilung sind, und die Azubis in anderen Betrieben in deiner Stadt. Größere Unternehmen haben Azubi-Gruppen, Einführungstage, manchmal eine Jugend- und Auszubildendenvertretung. Kleinere haben das nicht, aber deine Berufsschule hat andere Klassen, und die IHK und die Handwerkskammer veranstalten Azubi-Treffen, Sportturniere und Projekte, die genau dafür gedacht sind.
Der Vorteil: gleiche Lebensphase, gleiches Alter, gleicher Feierabend. Das ist das, was der Betrieb dir nicht bieten kann. Frag in der ersten Woche deine Ausbilderin: „Gibt es hier irgendwas, wo sich die Azubis treffen?" Die Antwort ist öfter ja, als du denkst, und wenn sie nein ist, kannst du derjenige sein, der es anfängt. Ein Gruppenchat mit den vier anderen Azubis im Haus ist ein Anfang, kein Ende.
2. Der feste Wochentermin außerhalb der Arbeit
Der zweite Ort ist der, der für alle Erwachsenen gilt und für Azubis besonders: etwas, das jede Woche zur selben Zeit mit denselben Menschen stattfindet. Sportverein, Fußball, Volleyball, Klettern, Feuerwehr, Musik. Der Verein ist in Deutschland aus gutem Grund nicht totzukriegen. Er löst genau das Problem, das Blockunterricht erzeugt: Er liefert die Wiederholung, die die Berufsschule dir nimmt.
Für Azubis hat er noch einen Vorteil. Die meisten Vereine sind altersgemischt, aber die Trainingsgruppen sind es oft nicht. In der U21 oder der Jugendmannschaft triffst du Menschen in deinem Alter, die nicht studieren, sondern wie du arbeiten, und die um 18 Uhr Zeit haben, nicht um 14 Uhr.
3. Die Wohnung und die Straße
Wenn du für die Ausbildung umgezogen bist, ist der dritte Ort dein Wohnumfeld. Azubi-Wohnheime, wo es sie gibt, sind Goldgruben, weil sie das Studentenwohnheim-Prinzip für Azubis nachbauen. Wer in einer WG wohnt, hat Mitbewohner, die selbst neu sind oder Leute kennen. Und wer allein wohnt, hat Nachbarn, den Bäcker, den Kiosk und den Park, alles Orte, an denen man dieselben Menschen regelmäßig trifft.
Die ersten drei Monate: was du konkret tun kannst
Woche 1 bis 2: eine Frage stellen. An die Ausbilderin, an die Kollegen, an die Berufsschulklasse: „Gibt es hier was für Azubis?" Und an die eigene Klasse: „Hat jemand Lust, nach der Schule noch was zu essen?" Das erste Mal ist unangenehm. Das zweite Mal nicht mehr.
Woche 2 bis 3: Wochentermin festmachen. Bevor die Müdigkeit dich überzeugt, dass du nach der Arbeit nichts mehr machen willst. Acht Wochen anmelden, hingehen, auch wenn du niemanden kennst. Besonders dann.
Woche 3 bis 6: den Blockunterricht überbrücken. Wenn deine Berufsschulklasse sich in sechs Wochen nicht sieht, sorg dafür, dass sich zwei oder drei Leute daraus trotzdem sehen. Ein Vorschlag mit Tag und Uhrzeit, nicht „wir sollten mal". Wie die erste Nachricht klingt, steht in Jemanden anschreiben: so gelingt die erste Nachricht.
Monat 2 bis 3: eine Ebene tiefer. Mit den zwei oder drei Menschen, die sich inzwischen wiederholen, ein Gespräch führen, das nicht über die Ausbildung geht. „Ehrlich gesagt war der Umzug hierher härter, als ich dachte." Der Übergang von Smalltalk zu echtem Gespräch ist der Punkt, an dem aus Azubi-Kollegen Freunde werden. Wie das geht, ohne dass es gezwungen wirkt, haben wir in Vom Smalltalk zu tiefen Gesprächen beschrieben.
Und die alten Freunde?
Halte sie, aber richtig. Der Gruppenchat mit der alten Klasse wird leiser werden, das ist normal und liegt nicht an dir. Was hält, sind Einzelkontakte mit festem Rhythmus: ein Anruf jeden zweiten Sonntag mit der besten Freundin in Leipzig. Ein Wochenende, das schon im Kalender steht. Nicht „wir sollten mal telefonieren", sondern ein Termin. Wer beides hat, den festen Draht nach Hause und den neuen Kreis vor Ort, kommt durch das erste Ausbildungsjahr am besten.
Falls du dich fragst, wie deine studierenden Freunde es gerade haben: Auch die Ersti-Woche ist kein Garant. In Als Ersti Freunde finden haben wir beschrieben, wie viele Studierende trotz 200-Leute-Gruppenchat im ersten Semester einsam sind. Die Ausbildung hat den schwereren Start. Sie hat nicht das schlechtere Ergebnis, wenn du die ersten drei Monate nutzt.
Online als Brücke
Ein Wort zu Apps und Plattformen, weil viele Azubis dort anfangen. Sie können den ersten Kontakt liefern, gerade in einer neuen Stadt und gerade in den Wochen, in denen der Verein noch nicht angefangen hat. Was sie nicht können, ist die Wiederholung ersetzen. Wer online jemanden kennenlernt, braucht dieselben 50 Stunden wie offline. Achte auf moderierte Plattformen mit klaren Regeln, die sich an Erwachsene ab 18 Jahren richten und deine Daten nach DSGVO behandeln. Und mach es dort wie im Verein: regelmäßig da sein, konkrete Vorschläge machen, Leute nicht nach zwei Gesprächen abschreiben.
Freunde finden in der Ausbildung ist schwerer als im Studium. Es ist nicht unmöglich, und die Menschen, die du dabei findest, haben einen Vorteil gegenüber jeder Ersti-Woche: Sie leben in deiner Stadt, haben deinen Rhythmus und bleiben, wenn die Ausbildung vorbei ist.
Häufige Fragen
Warum ist es in der Ausbildung so schwer, Freunde zu finden? Weil die Bedingungen fehlen, die im Studium Freundschaften automatisch erzeugen: Im Betrieb sind die Kollegen deutlich älter, in der Berufsschule fehlt bei Blockunterricht die Wiederholung, und die alten Freunde haben einen anderen Rhythmus. Dazu kommen Überstunden und die Unsicherheit über die Übernahme.
Wo lerne ich als Azubi Leute in meinem Alter kennen? Bei den anderen Azubis im Betrieb und in der Stadt (Azubi-Gruppen, IHK- und Handwerkskammer-Angebote, Jugend- und Auszubildendenvertretung), in Vereinen mit Jugend- oder U21-Gruppen und im Wohnumfeld, etwa Azubi-Wohnheimen oder WGs.
Wie halte ich Kontakt zur Berufsschulklasse bei Blockunterricht? Indem du in den Wochen ohne Schule zwei oder drei Leute aus der Klasse mit einem konkreten Vorschlag triffst, mit Tag und Uhrzeit. Der Gruppenchat allein reicht nicht; die Freundschaft braucht die Wiederholung, die der Block nimmt.
Ist es normal, sich in der Ausbildung einsam zu fühlen? Ja, besonders in den ersten drei Monaten und nach einem Umzug. Es liegt an der Struktur der Ausbildung, nicht an dir. Mit einem festen Wochentermin und Kontakt zu anderen Azubis bessert es sich in den meisten Fällen innerhalb weniger Monate.
Helfen Apps, als Azubi Freunde zu finden? Als Brücke ja, vor allem in einer neuen Stadt. Nutze moderierte Plattformen für Erwachsene ab 18 Jahren und überführe den Kontakt früh in etwas Regelmäßiges, etwa ein wöchentliches Treffen oder einen festen Anruf. Zur Freundschaft wird er erst durch Wiederholung.
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